Fresis04
Anna Blume entschlüßelt

[PanArte] [Kuwitter] [Kurt Schwitters]

“Auf sogleich wird ein alleinstehendes Mädchen im Alter von 15-21 Jahren, am liebsten Waise, für eine Dame als Reisebegleiterin mit hohem Gehalt und freier Station gesucht. Offerten an die Spedition dieses Blattes” (Hannoversches Tagesblatt, August 1912)

So inserierte die schlichte, brünette Schneiderin Dorothee Buntrock als Stellenvermittlerin unter dem Pseudonym ANNA BLUME.

Die siebzehnjährige Dora Vogel kam mit dem Zug; unbemerkt fuhr Franz Kaltengut, der Liebhaber Buntrocks, im gleichen Zug mit. Später beobachtete er die beiden Damen beim Kaffeetrinken, bevor sie sich auf den Weg machten. Mitten im Wald kam Kaltenglut und überfiel das Mädchen, das Brombeeren pflückte; Buntrock stopfte den Mund des Opfers zu und hielt es fest. Kaltenglut schnitt mit einem Schlachtmesser den Kopf ab, Buntrock entkleidete die Leiche. Acht Tage später brachte Buntrock ein Kind auf die Welt.

Das nächste Opfer war Emma Kiste. Ebenfalls im Wald, warf Kaltenglut dem Mädchen eine Bindfadenschlinge über den Kopf - kein Geschrei konnte mehr gehört werden. Mit einer Säge trennte er den Kopf vom Rumpf; Hände und Ohrläppchen wurden abgeschnitten, um schneller an den Schmuck zu kommen. Buntrock nahm ihr die Kleider und den Hut, die sie später verrieten und zu Beweismitteln gegen sie wurden. Beide Täter wurden verhaftet und mit dem Beil hingerichtet.

Dies ist nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern auch die Grundlage, aus der Schwitters sein berühmtestes Gedicht “Anna Blume” kollagierte. Eine Entdeckung, die wir Bernd Rauschenbach (“Dorothee Buntrock war brünett” in Kurt Schwitters Almanach No 10, Postscriptum Verlag, S. 21-28) verdanken.

Rauschenbach enthüllte uns nicht nur den Ursprung, sondern auch den wahren Inhalt und die Technik, die der berühmtesten Dichtung Schwitters´ zugrunde liegen: eine Kollage mit Elementen aus dem Zeitungsbericht des Kriminalfalles.

So ist z.B. die 27 (“Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne”) auch das Datum beider Morde (an einem 27. des Monats) und der Hinrichtung beider Täter. Beide Opfer kommen in der Dichtung vor: Dora Vogel (“Anna Blume hat einen Vogel”) und Emma Kiste (“Das gehört beiläufig in die Glutenkiste”). Ebenfalls der Täter Kaltenglut (“Das gehört beiläufig in die kalte Glut”). Zu den “roten Kleidern” Anna Blumes ist nun auch klar, wodurch sie rot geworden sind (“in weiße Falten zersägt”).

Das bisher als Liebesgedicht betrachtete Werk scheint im neuen Licht logisch der allgemeinen dichterischen Umgebung zugeordnet. Als Beispiel die Gedichte “Nennen Sie es Ausschlachtung” (“Anna Blume ausschlachten heißt Dich schlachten - bist Du schon einmal geschlachtet worden?”) oder “Hinrichtung” (“Ring strahlt das Messer Eure Köpfe, ohne Kopf”) verraten deutliche Assoziationen eher im Bereich der Gewalt als der Liebe.

Warum sich Schwitters überhaupt so sehr mit dem Fall beschäftigt hat, wurde von Rauschenbach ebenso entdeckt: Kaltenglut versuchte in der Verhandlung, einen anderen Mann als Täter einzubeziehen, der auch wahrscheinlich der Vater des Buntrock-Kindes war; dieser Mann hat alles als Verleumdung zurückgewiesen und wurde entlastet. Dieser Mann war aber auch ein Klassenkamerad von Kurt Schwitters.

body_main_footer57