Fresis04
Bernd Thewes über "Herr und Frau Goldkopf"

[PanArte] [Goldkopf] [Hugo, der Ball] [Blaue Wand] [Plakat] [Libretto]

HERR UND FRAU GOLDKOPF

Ein astrales Märchen. Eine Art himmlischen Puppenspiels. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden. Der erste: ein mysisches Erlebnis der Eheleute Goldkopf. Eine weiße Lawine kommt ihnen zu Besuch, eine sich steigernde Reinheit und Helle wächst ihnen zu. Ihr Haus  liegt über dem Abgrund und an der Fabelwiese, auf der der Buchstabenbaum einhergeht. Das ist jener Baum, von dem die poetischen Adams und Evas essen. Zärtliche Allegorien in Tiergestalt treten auf. Traumhaft die Notenständer des Lachens, die Tenderenda bei Lebzeiten verteilte. Der zweite Teil ist die Ballade von Koko dem grünen Gott. Das ist der Phantastengott. Von ihm kommt alle Glückseligkeit, solang er in Freiheit die Flügel schwingt. Setzt man ihn aber gefangen, so rächt er sich durch Verzauberung derer, die ihm die nächsten waren. Der dritte Teil ist ein Epilog des Ehepaars Goldkopf. Es schüttelt den Staub seiner Zeit von den Füßen und prophezeit ein Ende der Gottlosen und der Verzauberung. Den Kehraus macht, wie es recht und billig ist, ein Vers des Herrn Dichterfürsten Johann von Goethe.
Hugo Ball, aus Tenderenda der Phantast, Haymon-Verlag 1999

„Herr und Frau Goldkopf“ ist eine Kreuzung von Konzert und Mini-Oper.

Konzert als Abhebung des Solistischen (Trompete und Violine) vom Kollektiven, das offen, grenzüberschreitend das Musikalische auf dispositive Möglichkeiten von mixed media hin ausdehnt, dennoch aber - wenn auch karrikaturesk - das Genre Oper herbeizitiert.

Die Komposition läßt sich weder als Gattung noch auf syntaktischer Ebene „verorten“; das gestaltete „Material“ bleibt gewissermaßen schwebend materiell-immateriell.

Durch die Verwendung sozusagen veralteter Medien und einem kindlichen Umgang mit der Erscheinungs-Oberfläche Bühne entsteht eine Aura des Unzeitgemäßen, ähnlich wie beim Stummfilm, beim Wanderzirkus, beim Kasperletheater usw., was wiederum das Dadaistische etwa des Züricher „Cabaret Voltaire“ mit seinen Gedichtvorträgen, selbstgefertigten Kostümen / Masken und seinen Musikeinlagen herbeizitiert.

Tatsächlich findet aber das eigentliche Geschehen  nicht dort statt, wo man es wahrzunehmen scheint - auf der Bühne vor dem Publikum - sondern als musikalisches Ereignis im Innern der Strukturen, als Frage nach den Grenzen des Konzertierens, das schon lange nicht mehr eine selbstverständliche Form des Musik-Machens ist.

Diese Frage stelle ich, indem ich ein Konzert mit durchgehend musikantischen Ambitionen - und nicht eine mediale Komposition - schreibe, bei dem einerseits die musikalische Syntax, die klingenden Dinge durch Konfrontation mit Fremdem aus ihrer Selbstreferentialität ausbrechen, andererseits aber die fremden, nichtklingenden Dinge als kompositorisches Dispositiv zu dieser Referenz wieder sich hin bewegen, eine Suche nach dem Musikalischen in der Realität des Phantastischen: „...das blaue Pfeifen mächtiger Siphone...“ oder „...Mund, Stirne und Augenhöhlen verschüttet von Safran...“, wie Hugo Ball sagt.

Bernd Thewes

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