Fresis04
Blaue Wand

[PanArte] [Goldkopf] [Hugo, der Ball] [Plakat] [Libretto] [Bernd Thewes]

Bernd
Bernd Thewes in Gespräch mit Errico Fresis

Lieber Bernd, bringen wir das Formelle hinter uns: wo, wann bist Du geboren, was waren damals Deine Eltern und was bedeuten diese für Dich heute?

Ich bin 1957 in Quierschied in der Nähe von Saarbrücken, also mitten im saarländischen Kohle-Revier geboren. Meine Mutter war Hausfrau und mein Vater war Maurer; sie waren 23 bzw. 24 Jahre, als ich zur Welt kam. Aus ganz früher Zeit ist mir noch am meistens der Wald um Quierschied herum in Erinnerung geblieben, wo ich mich sehr oft mit meinem Großvater, der Bergmann war, aufhielt. Bäume faszinieren mich noch heute.

Welcher Beruf wurde von Deinen Eltern für Dich ausgesucht – welchen hättest Du ausgesucht?

.Ich kann mich nicht erinnern, daß meine Eltern für mich einen speziellen Berufswunsch gehabt hätten – außer daß mein Vater mich gerne alsTanzmusiker gesehen hätte, was ich von meinem 12. bis 19. Lebensjahr auch (ungern) war.  Das allerdings ist in der Provinz in der Regel kein richtiger Beruf, sondern eine Nebentätigkeit und wird fast ausnahmslos von Amateuren ausgeübt. Bevor ich der Musik verfallen bin – das war so mit 14-15 Jahren – fand ich das Malen sehr anregend, was ich schon als kleines Kind mit Leidenschaft, aber ohne größere Anregung von außen betrieb.

Welche Erlebnisse und Personen haben Dich zum Komponieren geführt?

Meine ersten starken musikalischen Erlebnisse hatte ich bei Rock-Gruppen wie Emerson, Lake & Palmer, Colosseum, Led Zeppelin, Jimmy Hendrix u.a. und gleichermaßen bei Bach und Beethoven. Das war allerdings erst so mit 14-15 Jahren, als ich meinen ersten klassischen Klavierunterricht begann. Die Musik, die ich vorher kennengelernt hatte (ich habe mit 5 Jahren Blockflöte gespielt, mit 10 Jahren noch Trompete und Akkordeon gelernt, aber alles im Bereich der Schlager-, Blas- und Volksmusik), hatte mich nie berührt. Ich habe sie nur gespielt, weil man es von mir erwartete. Parallel zu meinem Klavierunterricht hatte ich mit ca 16 Jahren angefangen auch eigene Stücke zu schreiben. Nach Bach und Beethoven waren es Debussy, Mussorgsky, Hindemith, die mich beeinflussten, gleichzeitig spielte ich aber auch mit Freunden aus der Illinger Szene Rock und Jazz und ich begann das freie Improvisieren auszuprobieren. Später machte ich Bekanntschaft mit der 2.Wiener Schule, was mich sehr beeindruckte, zumal ich schon seit einigen Jahren mit expressionistischer Lyrik beschäftigt war. Als ich von Saarbrücken weggezogen war, lebte ich ziemlich zurückgezogen in einem kleinen rheinhessischen Dorf in der Nähe von Mainz. Dort beschäftigte ich mich autodidaktisch mit dem Komponieren. Dabei studierte ich neben zahlreichen Partituren von neuer Musik, Klavierauszügen von Wagner-Opern u.a. intensiv die damals noch als Vierteljahresschrift mit jeweils 4 detaillierten Analysen von Kompositionen des 20.Jhs. erscheinende Reihe “Melos”. Dementsprechend gibt es viele verschiedenartige BeeinflussungfGaramondWenn ich konkrete Namen nennen sollte, woher nach meiner Meinung eine Beeindruckung stattgefunden hätte, muß ich den Bereich der Literatur und Bildenden Kunst miteinbeziehen: Ingeborg Bachmann, Georg Trakl, Arno Schmidt, Robert Musil, Francis Bacon, Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Claude Debussy, Gustav Mahler, Alban Berg, Jimmy Hendrix, Emerson, Lake & Palmer, Frank Zappa, John Cage (der frühe und der späte), Morton Feldman, Hans Werner Henze, Györgi Ligeti, Iannis Xenakis, Benedict Mason,  und neuerdings Guillaume de Machaut. Und außerdem noch andere. Zum Komponieren gebracht hat mich, um die eigentliche Frage zu beantworten, kein spezielles Erlebnis und keine bestimmte Person sondern lediglich der intensive Wunsch, eine eigene und eigenständige Äußerungsform zu erzeugen.

Wie drückt sich das Komponieren in Deinem Alltag aus? Wie seht ein „normaler“ Tag bei dir aus?

Ich arbeite normalerweise bei mir zuhause am Schreibtisch den ganzen Tag über; mit Pausen natürlich. Neuerdings 2 Tage die Woche (bis vor kurzem waren es noch 3) unterrichte ich nachmittags von ca 14:00 – 20:00 Klavier an einer Musikschule in Rheinhessen, die ein paar Freunde und ich quasi als Kollektiv betreiben. Das Geld, das ich mit dem Komponieren verdiene, reicht allein noch nicht zum Leben.

Woran starb wirklich Dein Festival in Illingen?

Ich würde nicht unbedingt sagen, daß das Festival gestorben ist. Michael Gross und ich fanden allerdings keine Möglichkeit, das Festival in Illingen mit der vorherigen Konzeption weiterzuführen, da das Pfarrheim, das zusammen mit der Kirche und dem Freigelände der Illinger Burganlage viellfältige Möglichkeiten für unsere Konzerte bot, abgerissen wurde. Alternativen in Illingen wären mit empfindlichen Schrumpfungen des Angebotes verbunden gewesen. Wir zogen es vor, mit einem gelungenen und interessanten Festival aufzuhören und nicht zu warten, bis Rückschritte sich breit machen. Was uns beide aber schon länger Schwierigkeiten gemacht hatte war die Situation, daß wir zu unserem ehrenamtlichen, zeitaufwendigen Einsatz (eine Arbeit, wovon manche Veranstalter leben können) immer noch eigene, nicht besonders reichlich vorhandene finanzielle Mittel in das Projekt stecken mußten, damit es dann alljährlich doch stattfinden konnte.

Auf welche Komponisten, Deiner Meinung nach, hätte die Welt verzichten können?

Auf keinen. Was ich etwas lächerlich finde ist, daß jeder, der sich als Autor irgendeines – aus kompositorischer Sicht – belanglosen Melodie- oder Rhythmus-Fetzens erklärt, Komponist genannt werden will und wird. Ab und zu sollte man meiner Ansicht nach daran denken, daß das Komponieren eine spezielle Tätigkeit mit einer ca 700 Jahre alten Tradition ist, und daß es Unterschiede gibt zwischen Komponieren als komplexer Kunst und bloßem Autor sein.

Warum hast Du Hugo Ball, warum Goldkopf gewählt?

Der Text fasziniert mich schon lange aufgrund seiner Tiefe bei scheinbarer Banalität. Das hat mich auch bei Hugo Ball überhaupt interessiert.

Sind die mystischen und religiösen Ansätze Balls auch in deinem Konzept zu finden?

Religiöse Ansätze gibt es meines Wissens nicht (außer dem sozusagen strukturellen Zitat der Litanei, was in der Komposition auftauchen wird) wohl aber mystische. An der Mystik zieht mich – beeinflußt von R. Musils Überlegungen zum Fühlen im “Mann ohne Eigenschaften”– der Gedanke und das Gefühl an, die Welt in anderer Zuständlichkeit zu erleben, eine anti-positivistische und von einer starken Vorstellung des Verbundenseins der Lebewesen getragene Haltung.

Was kannst Du zur musikalischen Sprache von Goldkopf verraten?

Musikantisch, (teils) ironisch, (teils) weithergeholt.

Welches ist der Sinn, die Notwendigkeit von „mixed media“ in Deiner Komposition? Gibt es dafür ein deutsches Wort?

Ohne bestimmte Farben beim Erklingen der Musik, ohne Dialektik von Zuspielmusik und live gespielter Musik, ohne Dia-Projektionen, ohne die real anwesenden Musiker, ohne die opernhaften Episoden, ohne eine filmische Szene, ohne Bühnengeschehen kann ich mir eine Arbeit mit dem Text von Hugo Ball nicht vorstellen. Deshalb gibt es in der Komposition die “gemischten vermittelnden Elemente”.

Warum möchtest Du mit Goldkopf die Grenzen zwischen „Oper“ und „Konzert“ sprengen?

Das Konzertante spielt für mich eine wichtige Rolle. Ich begreife es als etwas Elementares beim Zusammenbringen von Heterogenem.

Wie sieht der Tag nach der Uraufführung Goldkopf aus?

Wenn alles so läuft wie geplant, werde ich an meinem nächsten Stück arbeiten.

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