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Ein (fast) imaginäres Interview zum Programm mit Dr. Anton von Webern von Errico Fresis
E.F: Herr Dr. von Webern, warum gerade Bach?
A. von Webern: Alles findet bei Bach statt: die Ausbildung der zyklischen Formen, die Eroberung des Tonbereiches - dabei das ungeheure polyphone Denken! In der horizontalen („melodischen“) und in der vertikalen („harmonischen“) Ebene. Es ist bedeutsam, daß die letzte Schöpfung von Bach die „Kunst der Fuge“ war -ein Werk, das völlig ins Abstrakte führt, eine Musik, der alles fehlt, was sonst durch die Notierung gekennzeichnet wird: ob für Gesang oder Instrumente, keine Vortragszeichen, gar nichts steht da. Es ist die abstrakteste Musik, die wir kennen. Obwohl die Tonalität noch vorhanden ist, sind hier Dinge zu finden, die auf das zugehen, was das wichtigste in der Komposition mit zwölf Tönen ist: nämlich der Ersatz der Tonalität. Die Fuge ist ein Gebilde, das absolut aus dem Bestreben entstanden ist, den Zusammenhang möglichst eng zu gestalten: alles wird aus dem Thema abgeleitet. Die kanonischen, die kontrapunktischen Formen, die thematische Verarbeitung vermögen viele Beziehungen zwischen denDingen herzustellen, und dort ist zu suchen - wenn wir zurückschauen wollen auf die Vorläufer - was noch überdies in der Komposition mit zwölf Tönen steckt. Es ist wirklich fast ein Abstraktum - oder ich möchte lieber sagen: die höchste Realität! - Alle diese Fugen sind geschaffen auf Grund eines einzigen Themas, das immer wieder abgewandelt wird: ein dickes Buch von musikalischen Gedanken, dessen ganzer Inhalt von einem einzigen Gedanken ausgeht!
Was bedeutet das alles? Das Streben nach höchster Zusammenfassung. Es ist alles aus Einem abgeleitet. Der Stil, den Schönberg und unsere Schule sucht, ist eine neue Durchdringung des musikalischen Materials in der Horizontalen und in der Vertikalen, eine Polyphonie, die ihre Höhepunkte bisher gefunden hat bei den Niederländern und bei Bach, und dann weiter bei den Klassikern. Immer wieder das Bestreben, aus einem Hauptgedanken möglichst viel abzuleiten.
E.F: Was halten Sie von der Aufführung von Werken Bachs und Werken aus Ihrer Schule in einem Konzert?
A.W: Gerade das 5. Brandenburgische Konzert, das Sie zusammen mit Werken von mir aufführen wollen, habe ich in einem Konzert mit der Uraufführung von Schönbergs „Herzgewächse“ kombiniert. Solisten waren damals Wangler, Kolisch und Steuermann. Ausnahmsweise hatte die Komposition Schönbergs einen solchen Erfolg, das sie wiederholt werden mußte.
E.F: Könnten Sie mir bezüglich der Interpretation des 5. Brandenburgischen Konzertes einen Rat geben?
A.W: In meiner Zeit war die Reger-Ausgabe sehr populär. Ich persönlich finde sie falsch. Nachdem ich mich in den Urtext vertieft habe, ziehe ich eine Interpretation mit deutlich voneinander abgehobenen dynamischen Ebenen vor. Die romantische Auffassung Regers verlangte hingegen stufenlose Übergänge. Das Werk ist wirklich sehr reich an Farben. Diese „Buntheit“ erreicht man am besten durch Texttreue.
Mehr darüber können Sie meiner Instrumentierung des „Ricercar“ aus dem „Musikalischen Opfer“ entnehmen. Dieses Werk habe ich nur kurze Zeit nach meinem Konzert op. 24 instrumentiert.
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