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Geboren 1903 in Riga, studierte er zuerst Chemie in Berlin. Er hatte sich der Misrachi-Bewegung angeschlossen. Diese Gruppierung, die einerseits antireligiöse Strömungen des Zionismus, andererseits die antizionistische Tendenz der jüdischen Orthodoxie ablehnte, errichtete Schulen und Kindergärten zur religiösen Erziehung in Palästina und gründete 1955 die religiöse Bar-Ilan Universität. 1934 beendete Leibowitz sein Medizinstudium in der Schweiz und wanderte nach Palästina aus. Seit 1953 war er Chefredakteur der „Encyclopaedia Hebraica” und wurde 1961 als Professor für organische Chemie, Biochemie und Neurophysiologie an die Universität Jerusalem berufen. Mit 72 Jahren emeritierte er, um als Gastprofessor an seiner eigenen Universität - aber diesmal an der Philosophischen Fakultät - zu unterichten. Schwerpunkte waren Maimonides, Kant und Nietzsche. Der vor wenigen Jahren verstorbene Leibowitz war nicht nur ein großer Wissenschaftler, Philosoph und Glaubensmensch, er war auch der größte Kritiker seines Landes Israel. Er verkündete öffentlich, daß das Land undemokratisch sei, weil dem arabischen Teil der Bevölkerung die politischen Rechte vorenthalten seien. Er forderte die Rückgabe der seit dem ”Sechs-Tage-Krieg” besetzten Gebiete und stiftete zur organisierten Verweigerung des Wehrdienstes in diesen Gebieten an. Das hebräische Wort YITGABER - das Anfangswort von „Schulchan Aruch”, eines der jüdischen Gesetzbücher, wurde zu einem der wichtigsten für seine Ideen. Es bedeutet ÜBERWINDEN und ist sprachverwandt mit den Worten GEVER (MANN) und GIBOR (HELD). Leibowitz definierte den Helden als denjenigen, der gegen natürliche Impulse und Neigungen standhält: „Der Mensch ist nicht verantwortlich für gewisse Neigungen und innere Impulse; aber wenn er ihnen nicht gehorcht aufgrund einer Wertentscheidung - dies ist eine Heldentat. Derjenige, der das Verlangen nach Besitz, Ehre, Herrschaft und das sexuelle Verlangen überwindet, und zwar immer dann, wenn dieses Verlangen seiner Wertentscheidung zuwiderläuft, ist ein Held. Derjenige, der das Verlangen zu leben und zu existieren aufgrund einer Wertentscheidung überwindet, ist ein Held”. Diese Überwindung kann nur der Einzelne zustande bringen: „Man kann nicht von anderen verlangen, Held zu werden - man kann es nur von sich selbst verlangen”. Das Problem der Politik entsteht laut Leibowitz aus dem Aufeinandertreffen zweier Dinge. Einerseits dem Wert eines Menschen als Individuum - der prinzipiell jede Rechtfertigung einer Herrschaft über den Menschen ablehnt. Andererseits der Notwendigkeit von Herrschaft, damit die Menschen zusammenleben können. „Ich bin kein Faschist. Das heißt im reinen Vorhandensein eines Herrschaftsapparates, der Staat heißt, sehe ich keinen Wert an sich. Ich bin auch kein Anarchist. Das heißt, ich erkenne die Notwendigkeit eines solchen Apparates an. Der Staat hat deshalb einen Sinn, weil er ein Instrument ist. Der Mensch ist Bürger eines Staates - das bedeutet: er ist nicht frei. Aber wir erkennen das als unumgängliche Notwendigkeit an”. Daß die Demokratie in ihrer elementaren Form die Herrschaft der Mehrheit bedeutet, ist für Leibowitz weder Garantie für politische Klugheit noch für politische Aufrichtigkeit, da sie vom Niveau der „herrschenden Mehrheit”, die das Wahlrecht hat, abhängig ist. Der große Vorteil der Demokratie ist, daß innerhalb des Systems, ohne es durch Revolution zu brechen, die Herrscher auswechselbar sind. Dies wiederum ist keine Garantie, daß es dadurch besser wird. Der Sinn der Demokratie besteht vielmehr darin, die Herrschaft auf das allernötigste, aber auch allernötigste Minimum zu beschränken. Und zum Schluß sein Begriff der Freiheit: „Freiheit bedeutet, verantwortlich für die eigenen Taten zu sein”.
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