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Luigi Nono begegnete Leon Schidlowsky 1968 in Venezuela: „Nur zwei Diskussionen am runden Tisch über zeitgenössische Musik (mit dem polnischen Komponisten Penderecki, dem Chilenen Schidlowsky, dem venezuelanischen Professor Espejo und mir selber) belebten die Atmosphäre der Musikstudenten und riefen lebhaftes Interesse und Beteiligung hervor“. Die Diskussionen betrafen „die Kultur in ihrer Bewährungsprobe und Verantwortung im Konflikt zwischen Kapitalismus/Neokolonialismus und Befreiungskampf/Sozialismus. Auf der einen Seite universelle Werte, ethisch-moralische Positionen, Glaube an die Technik, auf der anderen Seite Analyse der historischen Entwicklung, Unterscheidung zwischen ursprünglicher autochthoner und der durch die imperialistische Herrschaft angesteckten Kultur, schöpferische Verwendung und Erfindung neuer Ausdrucksmittel für eine neue Kultur, die konstruktiver Teil der nötigen ideellen und praktischen Führung der Arbeiter- und Studentenbewegung Che Guevaras und Camillo Torres ist“.
Nono sieht „die Kultur als Moment der Bewußtwerdung, des Kampfes, der Provokation, der Diskussion, der Teilnahme“. Als solches Moment, mit den damals revolutionären Mitteln der Elektronik, komponierte er 1966 die Musik zur „Ermittlung“ von Peter Weiss, auf Einladung von Erwin Piscator, an der Freien Volksbühne Berlin. Was weder das Wort noch die Bühne darzustellen vermochten, die Millionen von Toten in den Konzentrationslagern, sollte die Musik ausdrücken.
Daraus entnahm Nono das Material für die Komposition „Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz“ (Erinnere Dich dessen, was Dir in Auschwitz angetan wurde): Kinderstimmen des Kinderchores des Piccolo Teatro Milano, Klänge und Phoneme der Sopranistin S. Woytowitz, Chor-, Instrumental- sowie elektronisch produziertes Material. Das Werk ist dreiteilig: a) Gesang vom Lager, b) Gesang vom Ende der Lili Tofler, c) Gesang von den Möglichkeiten des Überlebens.
Von höchster Wichtigkeit ist zum Verständnis des Werkes Nonos Begriff der Erinnerung: „Eine Erinnerung, nicht phänomenologischer Art, sondern gefordert vom politischen Bewußtsein im ständigen Kampf für die Abschaffung aller Konzentrationslager und Rassenghettos. Erinnern bedeutet auch, die Ereignisse einer bestimmten Zeit in ihrer Aktualität wieder zu entdecken und dazu beizutragen, sie unwiederholbar zu machen, indem man ihre Ursachen aus der Welt schafft“.
Non consumiamo Marx ist dem revolutionären kubanischen Dichter Carlos Franqui gewidmet und bildet den zweiten Teil des Musik-Manifestes Nr. 1. Das Material besteht aus Tonaufnahmen von Demonstrationen gegen die Biennale von Venedig 1968, „eine kommerziell eingestellte kulturelle Institution zur Unterstützung von ökonomischen Monopolinteressen (Montedison-Ciga) und der Regierungsmacht“ sowie aus zwanzig Mauerinschriften in Paris, 1968: „Kampf gegen den kapitalistischen und personifizierten (de Gaulle) Staat. Die Fusion zwischen elektronischem und naturalistischem Material wird auf eine Weise analysiert und komponiert, daß die Unterscheidung, wo das eine beginne und das andere ende, unmöglich gemacht wird. Die Demonstration auf der Piazza San Marco, die Zusammenstöße mit der Polizei, die Gesänge, die Schreie in den Calli, die Stimme des berichtenden Sprechers, die Einfügung von Slogans des französischen Mai, gesprochen von Edmonda Aldini, all das ergibt eine Technik-Form-Sprache, in welcher mir eine Form der Bach-Kantate latent zu sein scheint.”
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