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Badische Zeitung, 27. November 2000
Mit Herz und Hirn
Errico Fresis, der neue Erste Kapellmeister der Freiburger Oper
BZ-PORTRÄT: So gar nicht knallig klingt dieser „Troubadour“, so gar nicht auf vordergründige Überrumpelung bedacht (keine Angst, Verdis Effekte sind da). Weich tönt’s vielmehr aus dem Freiburger Orchestergraben, mit spürbarer Sorgfalt abgestuft, abgetastet, auch unter der Oberfläche, penibel fast. Nichts bleibt im routinierten Ungefähr.
Bildwechsel. Wenn sich am Ende von Peter Eötvös’ „Drei Schwestern“ der Vorhang vorm zweiten Orchester hinten auf der Szene öffnet, sieht der Opernbesucher einen mittelgroßen, freundlich lächelnden Herrn mit gelichtetem Haupthaar vor den Musikern stehen. Dieses Lächeln fällt seinem Gegenüber im Gespräch immer wieder auf. Es hat etwas Verschmitztes. Freundlichkeit, hat man das Gefühl, die sich gleichwohl nie anbiedern würde, Verbindlichkeit vielleicht. Ein paar Jahrzehnte später, denkt man beiseite, und Errico Fresis müsste aussehen, wie der Pianist Shura Cherkassky einst aussah.
Verdi hier – Eötvös dort: Da hat man, was den neuen Ersten Kapellmeister der Freiburger Oper ausmacht. Mit dem Klangforum Wien, dem Pendant zum Frankfurter Ensemble Modern, realisierte er ein Programm zwischen Nono und Monteverdi, mit dem Saarbrücker „Ensemble PanArte“, dem er in den vergangenen vier Jahren vorstand, eine Mixtur aus Cage, Bach, Webern und Kurt Schwitters’ Ur-Sonate mit Aktionsmalerei – das sind die Pole von Fresis’ Neugier. Der Name Abbado ist nicht weit, sucht man nach großen Vorbildern für solchen Umgang mit Musik.
Eine Schublade für ihn zu finden, ihn als Spezialisten für irgendetwas zu reklamieren, wird schwerlich gelingen – ihn als gebildeten Menschen zu etikettieren, schon weit eher. In Saarbrücken, wo er Kapellmeister und Studienleiter war, wagte er gar den Sprung an die Abteilung Komparatistik der Universität. Parallelen zwischen der Linguistik und musikalischen Phänomenen spürte er dort nach, Kompositions- und Interpretationsvergleichen, dem Verhältnis von Hirn und Herz in der Musik. Und beim Erzählen darüber entschlüpft ihm auch die Frage: „Wie wenig darf ein Musiker wissen?“
Grieche aus Volos, gerade noch 36, spricht Fresis mit heller Stimme und südländischem Akzent ein tadelloses Deutsch. Einen Musiker wollten die Eltern eigentlich nicht heranziehen. So begann er erst mit 13 am Klavier, lernte Französisch und Englisch und hatte zunächst Chemie und Nuklearphysik im Auge. Musik dann doch – indes, „Musiker zu sein, heißt in Griechenland, Kinder zu unterrichten“. Nach Paris also, nach London zum Studieren? Tel Aviv war schließlich das Ziel des Juden, der sich „als Europäer“ versteht. Hier, wird er später sagen, sind seine „geistigen Wurzeln, ob das nun italienisch, französisch oder deutsch bedeutet“. Auch das sagt er: „Mein Bild ist sehr deutsch.“ Und er flicht ein, was der große Dimitri Mitropoulos über die New Yorker „Met“ sagte, wo Italiener Italienisches dirigierten und Franzosen Französisches: „Ich bin Grieche und darf alles dirigieren.“
Interpretation und Analyse vermittelte ihm in Israel Leon Schidlowsky, ein Chilene polnischer Herkunft. Der hat ihm den Weg gezeigt: „Ihm verdanke ich alles, was ich weiß.“ Er lernte Berg, Schönberg, Xenakis verstehen und über sie die Klassik: „Ich schäme mich heute, Schubert und Mozart langweilig gefunden zu haben.“ Der Kummer darüber mischt sich mit – ja, wieder diesem verschmitzten Lächeln.
In Wien, als Korrepetitor von Staats- und Volksoper, als Dohnányis und Soltis Assistent im Studio, als Liedbegleiter und Kammermusiker, fand er dann „in der Art, wie man spricht und lebt“, auch Schuberts Klangmelodie und darauf auch zu ihm. Und in den schmalen Gassen zwischen den Häuserschluchten, meint er, müsse Mozart Don Giovannis düsteres d-moll gekommen sein. An Schönbergs „Moses und Aron“, Zimmermanns „Soldaten“ arbeitete er mit, und Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ war die erste Oper, die er selbst dirigierte. Der Dirigent, dem er zuvor assistiert hatte, hieß übrigens Donald Runnicles. Freilich, der junge Mann fühlte sich zu rüstig, um in Wien als „Luxuskorrepetitor“ alt zu werden. Ulm also und dann, 1994, Saarbrücken.
In Freiburg jetzt wieder Wien, Johann Strauß’ „Fledermaus“. Die etwas mitgenommen wirkende Partitur liegt dick und schwer auf dem Kaffeehaustisch. Und gleich: „Ich mische mich sehr aktiv in die Konzeption ein.“ Thema Inszenierung mithin: Was darf Regie beim Dirigenten Fresis? „Es muss mir nicht alles gefallen – schlüssig muss es sein, kohärent“, die inhaltliche Idee zum Ausdruck bringen. „Verstaubte Perücken“ könnten es nicht mehr sein – aber auch kein bloßer „Kostümwechsel, sondern eine wirklich neue Sicht“.
Natürlich kommen wir auf Lieblingskomponisten: „Ich kenne keinen, der Bach nicht nennen würde“, aber eben auch Schönberg („der wichtigste der letzten Jahrhunderte“), Schubert „auf jeden Fall“, ach ja, Mahler natürlich, und „zwei, die ich liebe, mit denen ich aber nichts zu tun habe“ – Perotin und Gabrieli.
Und Dirigenten? Toscaninis Wagner, Eliahu Inbals Brahms, Scherchen und Maderna, auch Karajan, das fortwährende Fließen der Musik bei ihm, gerade auch in der „Fledermaus“. Vor allem aber immer wieder Harnoncourt, „die interessanteste und wichtigste Dirigentenpersönlichkeit heute“ („die ungeheure Art, eine Phrase zu lesen“). Ein Merksatz: „Es gibt kein Stück, das er aufgenommen hat, wo ich nicht Harnoncourts Antwort zu Rate ziehe.“ Und dabei lächelt Errico Fresis eigentlich gar nicht mehr.
Heinz W. Koch
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