Fresis04
Programm

[PanArte] [Form] [Cage] [Interview mir Webern]

das 5. brandenburgische konzert von bach, im winter (1721) komponiert, gehört zur reihe von sechs dem markgraf von brandenburg gewidmeten konzerten. bach komponierte sie für sehr verschiedene besetzungen. das fünfte gilt als das erste klavierkonzert der musikgeschichte. bach setzte das ensemble wie eine pyramide aus drei klangebenen zusammen: das ripieno, also das orchester, dient als basis; zwei soloinstrumente - die für galanten und empfindsamen geschmack reprsentative traversflöte und die häufig konzertant verwendete violine - bilden die zweite ebene. das konzertierende cembalo an der spitze übernimmt zwei rollen gleichzeitig: solo und continuo in wechselspiel zwischen melodie- und harmonieinstrument, also zwischen verschiedenen farben. um dieses zu betonen, verwende ich im zweiten satz kein violoncello im continuo. die entscheidung für solistisch besetzte orchesterpartien entspricht der größe der brandenburgischen kapelle, wie sie bach zur verfügung stand. noch mehr aber ist sie als ein bekenntnis zur farbigkeit ohne äußerliche mittel zu verstehen. die orchesterpartien haben individuelle verantwortung. dieses konzert verkrpert damit einen ästhetischen grundzug der damaligen zeit: musik als klangrede.

[errico fresis]

Kurt Schwitters: erklärungen zu meiner ursonate

die sonate besteht aus vier sätzen, einer einleitung, einem schluß , und einer kadenz im vierten satz. der erste satz ist ein rondo mit vier hauptthemen. es ist rhythmus in stark und schwach, laut und leise, gedrängt und weit usw. ich mache beim ersten satz aufmerksam auf die wörtlichen wiederholungen der schon variierten themen vor jeder neuen variation, auf den explosiven anfang des dritten themas, auf die reine lyrik des gesungenen Jüü -Kaa, auf den streng militärischen rhythmus des dritten themas, das gegenüber dem zitternden, lammhaft zarten vierten thema ganz männlich klingt, und endlich auf den klagenden schluß des ersten satzes in dem gefragten tää? das largo ist metallisch und unbestechlich, es fehlt sentiment und alles sensible. der dritte satz ist ein echtes scherzo. beachten sie das schnelle aufeinanderfolgen der drei themen: lanke trr gll, pe pe pe pe pe und ooka, die voneinander sehr verschieden sind, wodurch der charakter scherzo entsteht, die bizarre form. der vierte satz ist der strengste und dabei reich im aufbau. beim schluß mache ich aufmerksam auf das beabsichtigte rückklingen des alfabetes bis zum a. man ahnt das und erwartet das a mit spannung. aber es hört zweimal schmerzlich bei bee auf. beruhigend folgt die auflösung im dritten alfabet beim a. nun aber folgt das alfabet zum schluß ein letztes mal und endet sehr schmezlich auf beee?

(aus Kurt Schwitters: das literarische Werk Band 1, DuMont)

Anton von Webern: Konzert für neun Instrumente op. 24

Im Jahr 79 zerstörte ein Ausbruch des Vesuv die Stadt Pompeji. Auf der Wand eines Hauses stand das magische Palindrom, das Webern auf die Skizzenbltter seines op. 24 notierte: sator arepo tenet opera rotas. Es kann in vier Richtungen gelesen werden. Davon inspiriert, komponierte Webern eine Zwölftonreihe, die aus vier Gruppen von je drei Tönen besteht, jedoch mit engem Zusammenhang: die zweite Gruppe ist Krebsumkehrung, die dritte Krebs und die vierte Umkehrung der ersten. Ursprünglich sollte es eine Ouvertüre, später ein Klavierkonzert und sogar ein Divertimento werden. Webern entwarf zuerst einen literarischen Aufriß: I. Satz: Einersdorf (bewegt, Einleitung) - II. Satz: Schwabegg (Langsam) - III. Satz: Annabichl (fließend, Seitensatz, M.P. manuell hintugefügt). Einersdorf war einer seiner Lieblingsplätze. In Schwabegg und Annabichl sind die Gräber seiner Eltern (von beiden Grabstätten verwahrte er stets Blumen, die er dort gepflückt hatte). M. und P. sind Minna (seine Frau) und Peter (sein Sohn). Das Konzert wurde Arnold Schönberg zum 60. Geburtstag gewidmet.

Anton von Webern: Sechs Orchesterstücke op. 6

Unter den Resten von Weberns Bibliothek, die 1965 entdeckt wurden, befanden sich die vom Komponisten und Alban Berg ausgeschriebenen Stimmen zur Kammerbearbeitung von opus 6. Webern schreibt über seine Komposition in der Zeitschrift für Musik: “Die Stücke op. 6 sind im Jahre 1909 entstanden. Sie stellen kurze Liedformen dar, meist im dreiteiligen Sinne. Ein thematischer Zusammenhang besteht nicht, auch nicht innerhalb der einzelnen Stücke”. Diesen nicht zu geben, war sogar bewut angestrebt: in dem Bemühen nach immerfort verändertem Ausdruck. Um den Charakter der Stücke - sie sind rein lyrischer Natur - kurz zu beschreiben: das erste drückt die Erwartung eines Unheils aus, das zweite die Gewißheit von dessen Erfüllung; das dritte die zarteste Gegensätzlichkeit; es ist gewissermaßen die Einleitung zum vierten, einem Trauermarsche; fünf und sechs sind ein Epilog: Erinnerung und Ergebung. über nähere Umstände erfahren wir aus einem Brief an Schönberg: “Das erste Stück will meine Stimmung ausdrücken als ich noch in Wien war, bereits das Unglück ahnend, aber doch noch immer hoffend, die Mutter noch lebend anzutreffen. Es war ein schöner Tag, eine Minute lang glaubte ich ganz sicher, es sei nichts geschehn. Erst auf der Fahrt nach Kärnten erfuhr ich die Tatsache. Das 3. Stück ist der Eindruck des Duftes der Eriken, die ich an einer für mich sehr bedeutungsvollen Stelle im Walde pflückte und auf die Bahre legte. Das 4. Stück habe ich nachträglich marcia funebre berschrieben”.

Errico Fresis
(Zitate aus Hans und Rosaleen Moldenhauer: Anton von Webern, Atlantis Verlag, Zürich)

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