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Leon Schidlowsky lernte ich 1982 in Tel Aviv kennen. Das erste Mal besuchte ich sein Seminar an der dortigen Musikhochschule, weil ich von seiner Persönlichkeit fasziniert war. Schon bei der ersten Stunde war mir klar, daß ich bisher zwar Musik gespielt (im wahrsten Sinn des Wortes), aber nie wirklich verstanden habe. In seinen intensiven Unterrichtsstunden eröffnete er uns neue Welten und lehrte uns das Denken. Er kombinierte Analyse bis zur Erschöpfung mit seinem tiefen Wissen über Literatur, bildende Kunst (er komponierte nicht nur graphische Partituren, sondern ist auch selber Maler), Philosophie und Geschichte. Wir lernten, daß Musik ein politischer Akt ist, der mit großer Verantwortung verbunden ist. Gleichzeitig öffnete er uns den Blick für mystische Verbindungen. Bei der Arbeit am Repertoire war das Musizieren und das Wissen wie "die Flamme verbunden mit der Kohle" - eine Einheit von Ursache und Ergebnis, die man nicht mehr voneinander trennen kann. Schidlowsky verdanke ich auch die Grundlagen der Dirigiertechnik - er hat sie selber von Hermann Scherchen gelernt. Trotz der Einwände seines Freundes Luigi Nono zog er 1969 zum "einzigen Land, wo man als Jude frei leben kann". Dort suchte er vergebens das Grab Lasker-Schülers: die jordanische Armee hatte im Krieg von 1948 den Friedhof geschändet. Der für sie errichtete musikalische "Grabstein" stammt aus dem ersten Jahr Schidlowskys in Israel (1969); dort hielt er sich der Vermarktung fern und suchte eigene kompositorische Wege. Im Jahr 1993 erfüllte er in Berlin eine "Mizwa" (Gebot, Pflicht): er komponierte eine Oper - ein Meisterwerk, das noch auf seine Uraufführung wartet - "Der Dibbuk", in dem sich seine musikalische Welt mit der jüdischen Mystik vereint. Es war also für mich als sein Schüler keine Überraschung, Querverbindungen zwischen unseren Programmpunkten nach deren Zusammenstellung zu entdecken. Als Beispiel: Else Lasker-Schüler hatte in ihrem ersten Jahr in Palästina (1937) ein gemeinsames Projekt mit dem Komponisten Arnold Schönberg (der als "geistiger Führer" Schidlowskys gilt) geplant - leider kam es nie zustande. Für Schönbergs "Verein für musikalische Privataufführungen" wurde die Bearbeitung der IV. Symphonie von Mahler gemacht. Der Titel unseres Prorammes ("Jenseits") erscheint sehr häufig in Lasker-Schülers "Das Hebräerland", ihren Schriften über Israel. Die Problematik sowohl des "gelobten Landes" als auch des Judeseins verbindet geistig Mahler, Schönberg, Lasker-Schüler und Schidlowsky.
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